Corona, Schlüssel zu „Gutem Leben“?

Nachdenkliches Fragen zu geplanten, aber aus(ge)fallenen Veranstaltungen in der Ökumene in Hiddesen

Für Mai-Juni waren in Hiddesen zum ökumenischen Jahresthema „Schlüssel“ vier thematisch miteinander verbundene Veranstaltungen geplant. Wir wollten zunächst bewusst machen, wie wir zurzeit in unserer Welt leben, welche Möglichkeiten und welchen Mangel wir haben, und dann, wie wir die Welt für uns zum Klingen bringen können und wie gutes Leben für alle aussehen kann.

Nun sind durch Corona nicht nur die Veranstaltungen abgesagt, sondern Corona macht uns deutlich, wie es keine Veranstaltung und keine Diskussion hätte zeigen können, was eigentlich „dran“ ist. Kann Corona ein Schlüssel zu „gutem Leben“ sein?

Der schon ältere Film Koyaanisqatsi mit den bizarr-schönen Naturaufnahmen mit der unruhigen Musik und dem tragischen Ende, sollte zeigen, wie entfernt das aktuelle Leben in der Zivilisation von der Natur des Menschen ist.

Wird aufmerksamen Menschen heute nicht genau dies durch die Pandemie sehr stark bewusst?

Beim Themenabend „Schlüssel zum Guten Leben: Die Welt zum Klingen bringen“ wollten wir uns mit den zentralen Thesen des Soziologen Hartmut Rosa auseinandersetzen. Mit der technischen und gesellschaftlichen Beschleunigung und der ständigen Reichweitenvergrößerung beschleunigen wir auch unser Leben, wodurch die Entfremdung zwischen Mensch und Welt fortschreitet. Dagegen setzt Hartmut Rosa die „Resonanz“, die klingende, unberechenbare Beziehung zu einer nicht-verfügbaren Welt. Dazu kommt es, wenn wir uns auf Fremdes, Irritierendes einlassen, auf all das, was sich außerhalb unserer kontrollierenden Reichweite befindet.

Corona hat unsere bisherige Reichweite drastisch reduziert und die kaum mehr aufzuhaltende Beschleunigung massiv gestoppt. Bisher unvorstellbar „Unverfügbares“ hat unsere Welt radikal verändert. Ist dadurch etwas zum Klingen gekommen, im Leben jedes Einzelnen, und wenn ja, was?

Der Themenabend „Schlüssel zum Guten Leben für alle“ wollte Impulse des „Buen Vivir“ aus Lateinamerika, das „Ubuntu“ aus afrikanischen Gesellschaften und Impulse aus Deutschland aufgreifen, die alle deutlich machen, wie sehr ein Leben im Einklang mit der Natur, Solidarität und eine Abkehr vom nur auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Wirtschaftssystem notwendig und möglich ist.

Zeigt uns nicht gerade Corona die Notwendigkeit und Chance von Solidarität weltweit?

Der Film „Der Himmel über Berlin“ zum Abschluss des Themas als eine „poesievolle Liebeserklärung an das Leben“ zeigt die Engel, die mit den Menschen auf dem Weg sind, sie mit „liebevollem Blick“ begleiten.

Haben wir vielleicht in dieser Coronazeit Situationen, Augenblicke, Menschen… erleben dürfen, die wir trotz Kontaktverbot als Begleiter, als „Engel“ erlebt haben? Wo haben wir den „liebevollen Blick“ erlebt als Angeschaute oder Anschauende?

Kann es gelingen, die Krise auch als Chance zu sehen bei allen Schwierigkeiten und persönlichen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen, die manchen sehr hart getroffen haben und uns alle noch lange betreffen werden? Ich bin überzeugt, mit dem Hl. Geist können Umdenken und Umkehr mit kleinen realistischen Schritten, wie sie schon an vielen Stellen zu entdecken sind, in der Gesellschaft und auch in der Kirche zu einem „Guten Leben“ für uns und andere möglich werden.

Mich hat ein Gebet aus dem online Gottesdienst Kompakt der ev.-lutherischen Kirche St. Michael im Kampe in Hiddesen vom 10.5., formuliert von Oliver Schulze, angesprochen:

„Barmherziger Gott, …
unser Leben, das Leben, das Du uns geschenkt hast und das wir durch unser Verhalten
zu dem machen, was es ist, wird nach dem Virus nicht mehr so sein, wie es war.  

Lass uns diesen vermeintlichen Stillstand nutzen, auch uns selbst zu entschleunigen, sich vieler
Dinge wieder bewusst zu werden, die im bisher gelebten Alltag keinen Platz mehr hatten.

Lass uns Gewohntes in Frage stellen und Neues wagen. Damit wir gestärkt aus dieser Krise gehen.

Lass uns die Krise als Chance für einen Neuanfang, eine Neubewertung des Erreichten sehen
und auch hinterfragen, was uns wirklich wichtig ist im Leben und wie eine lebenswerte Zukunft für
uns alle aussehen kann.“

 

Nutzen wir die Zeit in diesem Sinn.
Noch ist offen, wann die ausgefallenen Veranstaltungen – mit den Erfahrungen dieser Krisen-/Chancenzeit – nachgeholt werden.
Auch der für den 21. Juni geplante gemeinsame Waldgottesdienst „Schlüssel… Himmelsschlüssel…“ wird ausfallen und ggfs. zu anderer Zeit nachgeholt werden.

Brigitte Grosche