Menschen im Erzbistum

Wozu bist du da, Kirche von Paderborn? Diese Frage stellte der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker dem Zukunftsbild voran, auf dessen Basis das Erzbistum entwickelt wird. Wozu bist du da? Diese Frage kann sich auch jeder Einzelne stellen. Denn die Grundannahme des Zukunftsbildes ist eine biblische, dass nämlich jeder Mensch berufen ist, dass jede und jeder das eigene Leben als von Gott angenommen betrachten darf, dass es einen Sinn dieses Lebens gibt. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, die Frage für sich zu beantworten. Wir fragen nach, heute bei: Johannes Brüseke.

Wozu sind Sie da, Herr Brüseke?

"So einfach und allgemein kann ich das gar nicht sagen. Ich weiß das immer nur in einer konkreten Situation. Lange habe ich in der Erwachsenenbildung gearbeitet, da war es etwas ganz anderes als hier als Krankenhausseelsorger. Ich.spüre gesandt zu sein, den Menschen die Nähe Gottes zu vermitteln, die schon da ist, aber oft nicht wahrgenommen wird. Ich höre auf Gott: Wie kann ich ihm jetzt eine Stimme geben? Für mich heißt das: zuhören und wertschätzend auf das Leben eines Menschen blicken, von dem er mir erzählt. Denn Gott schaut mit Liebe auf dieses Leben! Ich darf auch mit den Menschen traurig sein. Krank zu sein, ist eine traurige, eine „kränkende" Erfahrung. Krankheit nagt an uns. Ich erlebe so deutlich, wie sehr unser Selbstwert mit unserer Leistung, mit Erfolgen und unserem Funktionieren verbunden ist. Den Selbstwert nimmt eine Krankheit scheinbar weg und das ist traurig! Ich möchte Menschen ermutigen, sich nicht abzuwerten. Denn ich bin sicher, Gott blickt anders auf unser Leben! Er sieht seine einzigartige Schönheit auch dort, wo wir ratlos sind und nichts mehr zu finden glauben. Dass Menschen sich mir immer wieder öffnen und mir in solchen Situationen Anteil an ihrem Leben geben, macht mich reich und froh! Wenn ich mit dieser Haltung Gottes zuhöre, finden Menschen wieder Kontakt zu dem Wertvollen, Schönen und Guten, was auch trotz Krankheit bleibt! Viktor Frankl hat das in seinem Scheunengleichnis in sehr gute Worte gefasst: Der Mensch blickt immer nur auf das Stoppelfeld, das größer und größer wird. Aber er sieht nicht, was in der Scheune ist, die Ernte, in der alle Kraft und die Mühe noch immer stecken. Eine besondere Erfahrung habe ich am Anfang gemacht, als ich neu in das Getriebe meines kommunalen Klinikums gekommen bin. Niemand hat auf mich gewartet. Ich hatte keine Macht und keinem Menschen etwas zu sagen. Ich stand auf keinem Dienstplan. Nur durch meine Person und mit meiner Glaubwürdigkeit konnte ich überzeugen. Ich bin sehr glücklich: Denn das ist mir gelungen! Besonders wertvoll finde ich, was ich darin lernen konnte: Menschen nicht einzuteilen in brauchbar und nicht brauchbar, sondern sie einfach so zu nehmen. Oft genug hat sich nämlich der erste Anschein als Irrtum herausgestellt. Heute habe ich einen guten Ort als Seelsorger in meinem Klinikum gefunden. In dieser nicht kirchlichen Welt habe ich so viel von Jesus verstanden! Schön, dass er nicht nur in der Kirche lebt!"

Zur Person:

Johannes Brüseke (58), Diplom-Theologe, ist verheiratet, hat drei Kinder und einen Enkel. Seit 2012 ist er Krankenhausseelsorger im Klinikum Lippe mit den beiden Standorten Lemgo und Detmold.