Reisebericht über die Pilgerfahrt nach Fulda

"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen" - schrieb einstmals der Dichter Matthias Claudius. Erlebt hat es die Pilgergruppe aus unserem Pastoralverbund, die für drei Tage rund um Fulda unterwegs war und mit berührenden Worten ihre Eindrücke schildert. Hier ist ein Reisebericht einzusehen:

Drei Tage „Fulda und Point Alpha“ mit Franz und Brigitta Streyl
Von Montag, 03. Juni bis Mittwoch, 05. Juni 2024 waren 22 Pilger des Pastoralverbundes Lippe Detmold unterwegs in Fulda und an der ehemaligen DDR-Grenze. In Fulda wurde die Gruppe von Weihbischof Prof. Dr. Karlheinz Diez herzlich begrüßt und in einen der schönsten Räume Fuldas, das Audi-Max der theologischen Fakultät, eingeladen. Dort wurde in einer Diskussionsrunde über aktuelle Themen gesprochen: den großen christlichen Kirchen in Deutschland bricht der Priesternachwuchs weg; auch durch Reformen ist in eine Entchristlichung in Europa nur wenig aufzuhalten; verständliche Predigten, die in den Alltag übertragen werden können; Kirche ist auch ein Gefühl, etwas wie Heimat, Zugehörigkeit – ist sie das heute noch, finde ich das heute noch?

Die Führung durch den Dom von Fulda führte Weihbischof Diez persönlich durch und erwies sich dabei als besonderer Kenner der Örtlichkeiten. Am späten Nachmittag erfolgte die Weiterfahrt zum St. Bonifatiuskloster in Hünfeld, wo für die Gruppe die Übernachtungen gebucht waren.

Nach dem Abendessen fand ein Gespräch mit dem Gästehausleiter der Einrichtung, Karl-Heinz Vogt, statt. Auch hier wurde angesprochen, dass das Bonifatiuskloster der Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria unter Nachwuchsproblemen leidet. Die Bruderschaft (30 Mönche) vor Ort ist überaltert und kann das Kloster auf Dauer nicht mehr bewirtschaften.

Am Dienstag ging es für die Wanderer früh am Morgen Richtung  Wenigentaft. Nach dem 2. Weltkrieg war diese Gegend Grenzland an der Nahtstelle zweier politischer Systeme und Machtblöcke, der Nato und des Warschauer Pakt. Auf einer Wanderung von 8 km auf dem Grenzlehrpfad ging es zum ehemaligen US Camp (auf hessischer Seite). Die Nichtwanderer konnten auf dem Gelände des einstigen Militärstützpunktes bereits anschauliche Eindrücke über den Kalten Krieg und das Zusammenleben der Menschen im hessischen Grenzgebiet mit den Soldaten sammeln.
Bei einer Führung im „Blauen Haus“ (Haus auf der Grenze auf thüringischer Seite), das direkt auf dem Kolonnenweg steht, wurden der Gruppe von einem damaligen DDR Grenzbewohner aus Geisa die Themen „Zwangsaussiedlung und geschleifte Höfe“, „Ausbau der Sperranlagen 1960 und 1970“, „Die Grenze bleibt Realität – 1971 bis 1989“, Die Grenztruppen der DDR“ und „Der Schießbefehl“ erörtert.
Der „Weg der Hoffnung“, in Anlehnung an den Kreuzweg von dem Künstler Ullrich Barnickel erstellt, erinnert mit seinen 14 monumentalen Skulpturen aus Eisen auf 1400 Metern an den Eisernen Vorhang, die 1400 km lange ehemalige innerdeutsche Grenze. An den einzelnen Kreuzwegstationen wurden die von Brigitta Streyl zusammengestellten Texte -  Beschreibung des Künstlers, eine Bibelstelle, ein Text von Zeitzeugen oder Stellen aus wissenschaftlichen Werken der Aufarbeitung der DDR-Diktatur vorgetragen. Es folgte ein abgestimmter Impuls mit anschließenden Fürbitten. Die Stimmung der Teilnehmer war ausnahmslos eine tiefe Ergriffenheit ob der Leiden der damaligen Situation. Aber das Ende der Geschichte war auch ein neuer Anfang voller Hoffnung, so wie auch das Ende des Kreuzweges als Zeichen der Hoffnung verstanden wird.

Der Mittwoch begann mit dem Besuch der denkmalgeschützten „Alten Kirche“ Sargenzell, die durch den Früchteteppich (4,5 x 6 m)bekannt ist, der jedes Jahr zum Erntedank aus natürlichen Früchten, Samenkörnern und gemahlenen Blumen- und Blütenblättern mit wechselnden Motiven gelegt wird. Der Vorsitzende des Fördervereins, Manuel Mohr, persönlich gab einen Einblick in die Geschichte der Kirche. Bereits 2013 konnte der 1.000.000 Besucher des Früchteteppichs begrüßt werden. Eingehende Spenden werden für Renovierung und soziale, caritative, christliche und kulturelle Bereiche eingesetzt. Alles wird ehrenamtlich bewältigt. Das Motiv in diesem Jahr „Der Turmbau zu Babel“ wird ab dem 07.09.2024 zu sehen sein.

An der 1 km entfernten Mariengrotte mit einer lebensgroßen Marien-Statue gab es zum Abschluss einen Impuls zu Eintreten für Demokratie und Menschenrechte, zu Einstehen für Freiheit und Gemeinwohl, zu Einstehen für Toleranz und Offenheit, zu Einstehen für ein klares Bekenntnis gegen Diskriminierung und dummen Populismus. Der Barfuß-Erlebnispfadmit 18 Stationen mit verschiedenen Materialien aus der Rhön – körniger Sand, massierender Kies, lehmige Erde, raues Gestein, naturgewachsenes Holz oder erfrischendes Wasser – sorgte für ein gesundes Erlebnis, das „die Sinne weckt“. Danach erfreute das Hofcafé Böhm mit hausgemachten Tortenstücken. Und dann ging es mit dem Bus zurück nach Detmold.

Fazit: Auf dieser Reise erhielt die Gruppe am Point Alpha Einblick in den (oftmals sehr schmerzlichen) Gang der deutschen Geschichte und auch der Weltgeschichte, während die Besuche in Fulda und im Kloster Hünfeld aktuell die Probleme mit der Entchristlichung der Gesellschaft nicht nur in Deutschland für die Kirche vor Augen führten. „Der Weg der Hoffnung“ bestätigte, dass in den geschilderten Situationen letztlich allein das Gebet (überzeugend) Hoffnung vermitteln kann.

Franz und Brigitta Streyl